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Charlie, wie bist du zum Buddhismus gekommen?
Das war 1984, also vor über 30 Jahren, auf der Insel Bali im wunderschönen Kloster „Brahma Vihara“. Ich habe an einem zehntägigen Meditationsretreat, den Ayya Khema gab, teilgenommen.

Welche Bedeutung hat Ayya Khema für dich?
Am Ende des Bali-Retreats wusste ich, dass Ayya Khema meine Lehrerin ist, sie wurde sozusagen meine „Spirituelle Mutter“. Sie blieb meine einzige Lehrerin. Eine äußerst tiefe Erfahrung auf Bali in ihrer Gegenwart führte dazu, dass sich mein Leben vollkommen veränderte und ich mich ganz dem spirituellen Wachstum hingegeben habe. Ayya Khemas Vermittlung der Lehre war pragmatisch, einfach und unmittelbar, so dass es mein Herz berührt und mich für den Weg geöffnet hat, der zu einem vollkommenen Loslassen führte. Wäre sie eine christliche Lehrerin gewesen, wäre ich wohl Christ geworden, denn sie lehrte Weisheit und Liebe und den mystischen Weg der Vertiefungen. Sie war aber „zufällig“ Theravada-Nonne und ihre Lehre fundierte auf den Lehren der buddhistischen Theravada-Tradition. Also habe ich mich dem Dharma in Herz und Geist geöffnet und durch Studium und Praxis erkannt, dass die Buddhalehre eine Landkarte des Geistes ist, die einen systematischen Weg der Herzens- und Geistesschulung zeigt. Er führt in die Tiefen und Weiten des Seins bis in die allem zugrunde liegende Wahrheit und beschreibt auch den Weg in der Welt.

Wie hat es sich ergeben, dass du Lehrer geworden bist?
Auf Bali war ein Moment, in dem hochkam: „Das musst du den Menschen sagen.“ Aber gleichzeitig auch ein: „Was soll ich denn sagen?“ Denn dieses „So-Sein“ ist eigentlich unaussprechlich, ohne Worte. Dieses „Das-musst-du-den-Menschen-sagen“ kann man sicherlich damit erklären, dass ich eine Lehrernatur bin. Das heißt, das Lehren hat mir immer Freude gemacht, ich war Tennistrainer und Coach. So ist es wohl meine „Bestimmung“, diese Fähigkeit zu leben, zu geben, um selbst darin zu wachsen. Sicher hat Ayya Khema das viel früher durchschaut als ich selbst, denn dieser Gedanke ging bei mir in den Hintergrund. Ich wusste ja nur, dass es „DAS“ gibt, ohne jeden Zweifel. Mir wurde bald klar, dass der Prozess der Transformation zwar unwiderruflich eingetreten war, aber eben erst begonnen hatte. Ayya hat in all ihren Retreats den ganzen Weg in all seinen Stadien auf den Grundlagen der Lehrreden des Pali-Kanons gelehrt. So bin ich in ihrer Begleitung Lehrrede für Lehrrede mitgegangen, und habe die Inhalte, Schwerpunkte und Zusammenhänge im Herzen erfasst. Als dann 1994 das Buddha-Haus München entstanden ist, hat Ayya einfach erklärt: „So, jetzt musst du dich da vorne hinsetzen.“ Da habe ich sie gefragt: „Ja, was soll ich denn lehren?“ Und sie hat geantwortet: „Die Vier Edlen Wahrheiten.“ Als ich meine noch unvollkommene Verwirklichung ansprach, hat sie nur gesagt: „Unter Blinden ist der Einäugige König“.

Wie bist du dann ins Haus der Stille nach Roseburg gekommen?
Zum ersten Mal habe ich das Haus der Stille 1985 kennengelernt. Damals begleitete ich Ayya Khema drei Monate lang durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Von den zehn Kursen, die ich hintereinander mitgemacht habe, war der letzte in Roseburg. Ich lernte das Haus der Stille als Kursteilnehmer kennen und bin dann als Lehrer wiedergekommen. Das war allerdings etwa zwanzig Jahre später. Peter Buschner, der dem Haus der Stille sehr verbunden ist und auch Schüler bei Ayya war, hatte eine Einladung in die Wege geleitet.

Was bedeutet für dich Lehrer-Schüler-Verhältnis?
In einem Meditationsretrat ist meine Position ganz einfach: Das Dharma allen zu vermitteln. Diese Vermittlung kann aber nur dann geschehen, wenn der Hörer sein Herz für die Belehrung öffnet. Der Schüler ist zwar der Hörer, aber genau genommen belehrt ihn sein innerer Lehrer. Die universelle Weisheit des Herzens wird berührt, die in jedem Menschen fühlt und versteht. Das Sich-öffnen braucht Vertrauen. Denn ohne Vertrauen keine Hingabe. Hingabe bedeutet hier das Zurücknehmen gewohnter Ansichten und Glaubensvorstellungen, um unmittelbar zu hören. Dann hört das Herz, dann versteht das Herz – das ist die Grundlage. Vermittlung geschieht von Herz zu Herz.
Selbstverständlich gibt es auch persönliche, anhaltende Lehrer-Schüler-Beziehungen. Dann geschieht nichts anderes, als dass ich als Lehrer versuche, dem Schüler seine für ihn im Moment bestgeeignete persönliche Praxis zu vermitteln. Grundlage hierfür ist die „Edle Freundschaft“. Das heißt, dass keine Abhängigkeit entsteht – ein Aspekt, der mir sehr wichtig ist. Wenn ich mit meinen sogenannten „engen Schülern“ zusammen bin, dann bin ich ganz auf der menschlichen Ebene und mache das, was alle tun: Ich zeige, dass ich ein ganz normaler, natürlicher Mensch bin. Jemand, der gerne Spaß hat, der ein gutes Essen schätzt, der Musik hört und auch gerne über Fußball plaudert, falls jemand ebenfalls an Fußball interessiert ist. Es soll auch zeigen, dass man nicht all seine gewohnten Spielzeuge aufgeben muss, um einen spirituellen Pfad zu gehen, sondern an den schönen Dingen in der Sinnenwelt Interesse und Freude haben soll. Man muss auf dem Weg eben nur unterscheiden lernen, was Sinnenbegehren und was Sinnenfreude ist. Und das versuche ich auch bei persönlichen Beziehungen mit Menschen, die einen intensiven inneren Weg in meiner Begleitung gehen, zu vermitteln.

Welche Aspekte scheinen dir am Buddhismus am wichtigsten?
Zunächst einmal der Zugang. Wenn man den Edlen Achtfachen Pfad betrachtet, sieht man, dass er mit der „Rechten Erkenntnis“ beginnt. Das ist für unsere westliche Mentalität äußerst wichtig, weil wir gewohnt sind, etwas zuerst verstehen zu wollen, bevor wir es machen. Nicht nur im Westen kennen wir Religion vor allem als Glaubensreligion, wo man irgendwelche Schriften vorgesetzt bekommt, irgendwelche Lehren aus uralten Zeiten, die man glauben soll. Die Aussage „allein der Glaube genügt, dann bist du schon verwirklicht oder erlöst“, hat mir nie genügt. Ich wollte immer selbst wissen. Dann folgt die meditative Praxis zur Entwicklung von Tugend, Konzentration und Weisheit. Diese Entwicklung geht Hand in Hand und führt erkennbar zu einem Wachstum auf allen Ebenen.

Sind die Vier Edlen Wahrheiten das, was du konkret vermitteln möchtest?
Ja, das ist die Essenz der Lehre. Die Buddha-Lehre hat als Zentrum die Vier Edlen Wahrheiten und von diesem Zentrum aus entfalten sich alle Bereiche, alle Zusammenhänge. Das Spannende an der Lehre ist, dass sie die tiefgründigen Zusammenhänge des ganzen geistigen Universums erklärt, die dann durch die Praxis auch immer klarer erfasst werden können. Sie werden im Bewusstsein integriert, die Weltsicht verändert sich, vor allem aber das Selbstverständnis. Letztendlich versteht man das Befreiungsprinzip durch eigene Erfahrung immer tiefgründiger und schließlich weiß man: Eigentlich ist es ganz einfach.

Was bedeutet es, Buddhismus im Alltag zu leben?
Man lebt nicht den Buddhismus im Alltag, man lebt das Dharma, das man selbst im Herzen erkannt hat. Das bedeutet: Man lebt im Einklang mit den Lebensgesetzen, lebt im Bewusstsein von Ursache und Wirkung und weiß - immer Jetzt - was ins Unglück und was ins Glück führt. Nur durch das Aufrechterhalten der Kraft des Selbstgewahrseins in allen Lebensbereichen, in allen momentanen Situationen, werden Reaktionen des konditionierten Geistes im Licht des Gewahrseins transformiert. Dann agiert der freie „Herz-Geist“ im Denken, Sprechen und Handeln. Diese Transformation im Alltag ist das Entscheidende. Wer viele Retreats macht, wird immer wieder feststellen, dass die Schwierigkeit im Alltag nur darin liegt, dass man die Präsenz, das bewusste Da-Sein, verliert. „Man verliert sich“ – in seinen alten Mustern. Am Ende eines Kurses sage ich meistens: „Retreats sind das Trainingslager, jetzt beginnt das Spiel.“ Wer ein gutes Spiel spielt, lernt in jeder Lebenssituation und betrachtet sie auch als Lernsituation. Dieser Pfad ist letztendlich ein Pfad der vollkommenen Selbst-Hingabe, ein „Loslassens von sich selbst“, also von den Strategien der Selbstbehauptung. Wir wollen aus dem „Gesetz des Stärkeren“ in das „Gesetz der Liebe“ hineinwachsen. In die Liebe, die auch Weisheit ist.

Meditation und Stille spielen eine große Rolle?
Ja, das ist der zentrale Punkt: Du lernst, den „Denkenden“ mit dem „Seienden“ zu ersetzen: „Sei einfach Stille Bewusstheit“. Es ist ein „Zu-sich-kommen“. Mit der Vergegenwärtigung des bewussten Seins beginnt die ganze Praxis. Dann folgt die Achtsamkeit verbunden mit Wissensklarheit. Also heraus aus den Gedanken und stiller Beobachter der Gedanken sein, sowie aller Gefühle, Reaktionen, Stimmungen und Bewusstseinszustände. Alles darf da sein, nichts ablehnen oder zu „ich“ und „mein“ machen. Nichts damit machen. „Nicht-Tun“ ist weder unterdrücken noch ausdrücken. Wenn du das verstanden hast – also wirklich verstanden hast und auch praktizierst, vor allem im Alltag praktizierst – dann bist du im Weg. Es ist ein Gesetz, dass sich die Kraft der Gegenwärtigkeit sammelt, weil die Energie nicht in das unkontrollierte Denken und Reagieren geht. Du erlebst diese Kraft dann als Lebensfreude und Liebe für alles Leben aus einer inneren Stille – mehr und mehr. Die reinen Gefühle des Seins sind immer verbunden mit reiner Intelligenz, so dass auch die Erkenntniskraft wächst. Mit dieser Kraft wirst du dann auch die Tiefe und Unbegrenztheit des Bewusstseins erfahren und erkennen. Und vielleicht auch in DAS aufwachen, was jenseits davon ist, in DAS, was du in Wahrheit bist - wenn du ernsthaft meditierst und es wirklich wissen willst.

(Das Interview wurde im Sommer 2015 geführt.)